Literaturcafe Kopf
Corona

   Liebe Lust und Leidenschaft in den Zeiten von Corona...

Inhaltsverzeichnis

Dieter Drechsler Der Fensterplatz 03.Mai.2021
Maggy Ziegler Küssen verboten 02.Mai.2021
Michael Blum Julietta 01.Mai.2021




Der Fensterplatz

»Mist, jetzt ist mein Bein eingeschlafen!«, ärgert sich Corinna und bewegt es, soweit es der Abfalleimer unter dem Tisch zulässt. »Kein Wunder! Seit über einer Stunde hocke ich, wie ein hypnotisiertes Kaninchen, eingepfercht in einem angeblichen Großraumwagen auf diesem Fensterplatz.« Missmutig sieht sich um. Rechts von ihr sitzt machohaft ein verfetteter Anzugträger, der rigoros eine weit ausgebreitete Zeitung liest und bei jedem Umblättern sein billiges Aftershave verbreitet.
Gegenüber er!
Er war ihr schon aufgefallen, als sie sich mit der Reisetasche durch den schmalen Mittelgang des Waggons schob. Bereits da hatte sie der kurze Blickkontakt mit ihm derartig fasziniert, dass sie prompt ihre Platznummer vergaß.
Diese blöde Nummer, die sie beim Einstieg in Hannover, um die Hände frei zu haben, wie ein Mantra vor sich hingemurmelt hatte. Also nochmal in der Jackentasche nach dem Ticket gefischt, während die Rollkoffer-Karawane in ihrem Rücken sie gnadenlos vorwärtsschob.
Ach ja, Wagen 8, Platznummer 61 …
 Ihre Augen scannten die Schildchen über den Sitzplätzen ab.
Ah, da! Nummer 61, ein Fensterplatz mit Tisch.
Ausgerechnet den. Diesen durch den Tisch eingeengten Platz hätte sie selbst nie und nimmer reserviert! Den hatte sie ihrer Tante zu verdanken, die ihr diese Reise gebucht und geschenkt hatte. »Ist doch praktisch, da kannst du schön dein Butterbrot auspacken und dein Buch ablegen.« Nun sitzt sie seit über eine Stunde, zwischen Tisch und Anzugträger einklemmt, ihm gegenüber, - und könnte ihn dauernd angucken!
Das heißt, wenn sie sich trauen würde, endlich mal von ihrem Buch aufzuschauen oder ein Gespräch zu beginnen.
Das heißt, einmal hat sie was gesagt. Gleich zu Anfang, da hatte sie ihr Ticket in die Runde gehalten und »Nummer 61 – ist das hier?«, gepiepst, weil ihr die Stimme plötzlich versagte. Als müsste sie ihm gegenüber ihren Anspruch auf den Platz nachweisen. Nach dieser Erfahrung zog sie es vor, in der Versenkung ihres Fensterplatzes zu verschwinden.
Denn ihr wurde es bewusst, dass sie in Gegenwart von ihm, wohl keinen zusammenhängenden Satz mehr wird herausbringen können, und das ihr Charme und Witz hier kurz vor Bielefeld ferner sind, als das Matterhorn.
Abgesehen davon, dass er nicht alleine ist!
Corinnas Blick gleitet dezent zu dem Mädchen rüber, deren Kopf mit den langen blonden Haaren an seiner Schulter lehnt.
Seine Freundin, klar, analysiert sie die Situation.
Ihr Atem geht ganz ruhig, nicht mal ihre Wimpern flattern. Sie schläft tief und entspannt. Und das schon die ganze Zeit, trotz des Geräuschpegels hier!
»Bestimmt sind die beiden schon lange zusammen«, überlegt Corinna einen Moment lang wehmütig, »denn, wenn man sich erst eine kurze Zeit kennt, schläft man doch nicht neben so einem Geschöpf ein. Dazu ist seine körperliche Nähe doch viel zu aufregend und zu kribbelig.
Da will man alles von ihm wissen, und alles über sich selbst er zählen, - jede noch so kleine geheime Geschichte. Wie der eigene Vater beim Kirschkern-Weitspucken einmal fast erstickt ist, wie die beste Freundin vom Tennislehrer gestresst wurde, wie die kleine Schwester beinahe ertrunken wäre. Besonders gern erzählt man natürlich Geschichten, in denen man selbst eine positive Rolle spielt: Dem Vater knallhart auf den Rücken gehauen, dass der Kirschkern nur so raus flutschte, dem mie-sen Lehrer vor versammelter Mannschaft die Meinung gegeigt und die kleine Schwester tapfer den Fluten entrissen.«
»Jedenfalls schläft man in dieser Phase neben so einem Geschöpf nicht ein!«, stellt Corinna kritisch fest. - Denn sie hätte viel zu viel Angst, dass sie dabei vielleicht schnarcht oder etwa mit halb offenem Mund einen wenig intelligenten Eindruck macht.
»Solche Ängste hat seine Freundin offensichtlich nicht. Braucht sie ja auch nicht«, sinniert sie anerkennend weiter, »und sieht im Schlaf wie ein Engel aus.«
Mit halb geschlossenen Lidern, über den Buchrand hinweg, betrachtet Corinna die Beiden weiter. »Die passen super zusammen! Ein Paar wie aus einem Werbespot. Er, - souverän in sich ruhend, liest in seinem Buch. - Leider kann ich den Titel nicht entziffern. Bestimmt irgendwas Trendiges oder Barack Obamas neueste Veröffentlichung im englischen Original. - Und wie er hin und wieder scheinbar selbstvergessen seine dunklen Locken nach hinten streicht. - Um danach nur noch verwuschelter auszusehen. – Logo - , natürlich weiß er genau, wie das wirkt.«
»Leider!«, seufzt Corinna unhörbar und erstarrt. Denn er schaut plötzlich von seiner Lektüre auf, sieht sie direkt an und ihr blieb keine Zeit mehr wegzusehen.
Corinna spürt, wie sich ihr Puls beschleunigt.
»Himmel, was hat er für Augen! Grün, mit kleinen braunen Sprengseln - und jetzt lächelt er. - Oh, Grübchen hat er auch! - Ist ja nicht auszuhalten! Echt, bei Grübchen werde ich schwach. - Sollte ich jetzt nicht irgendetwas sagen? Ich meine, irgendetwas Nettes oder echt Spritziges?«
Stattdessen fühlt sie Panik in sich aufsteigen und schaut, um ihre Verlegenheit zu verbergen, nach draußen.
Gelassen senkt ihr Gegenüber wieder den Kopf und blättert in seinem Buch. Dabei bewegt er sich ganz behutsam, um den schlafenden Engel an seiner Seite nicht zu stören.
»Rücksichtsvoll ist er also auch noch«, stellt Corinna fasziniert fest. »Unglaublich. Andere Typen würden sich in einer solchen Situation ihre AirPods in die Ohren bohren und die Braut mit Hardrock beschallen. Ob’s ihr nun passt oder nicht. - Wohin die beiden wohl fahren? Bestimmt zu einer schicken Vernissage oder vielleicht sogar zu einer Hochzeit, nach Köln oder Düsseldorf. Und ganz bestimmt nicht zu einer Tante nach Bonn-Limperich, wie ich. - Das Leben ist ungerecht. - Wo sind wir eigentlich?«
Corinna späht durch die getönten Scheiben nach draußen und versucht sich zu orientieren. Denn ihr Nachbar, der Anzugträger, war in Essen ausgestiegen und die Computerstimme aus dem Lautsprecher hatte eben erst den nächsten Bahnhof angekündigt, da quietschen bereits wieder die Bremsen. Ein Schild mit der Aufschrift »Duisburg« huscht am Fenster vorbei und auf dem Bahnsteig drängen sich die Leute in Richtung der Türen.
»Au Kacke!« Wie von der Tarantel gestochen, schießt die Blonde von gegenüber urplötzlich von ihrem Sitz hoch, greift ihre Klamotten und stürmt grußlos den Gang runter.
Er blickt nur kurz von seinem Buch auf.
Corinna versteht überhaupt nichts mehr. »Wieso bleibt er denn seelenruhig sitzen? Bin ich im falschen Film oder was?«
Anscheinend macht sie ein derart konsterniertes Gesicht, dass ihr Gegenüber Mitleid mit ihr be-kommt und erklärt. »Ich kannte sie gar nicht.«
»Hä?«, krächzt Corinna verständnislos und fragt sich, wann sie je wieder einen normalen Satz aus-formulieren kann.
»Das Mädchen«, fügt er erklärend hinzu, »die Blonde, die hier ... äh ... geschlafen hat.« Er zeigt auf seine linke Schulter, als gab es im Zug noch hundert andere schlafende Blondinen, die gemeint sein könnten. »Sie hat mir beim Einsteigen in Berlin nur noch kurz gesagt, dass sie die letzte Nacht durchgemacht hat, und dann war sie auch schon eingepennt.«
»Ach so«, lächelt Corinna irgendwie befreit. »Ist ja schräg ...«, und atmet erleichtert durch, denn das war immerhin ein fehlerfreier Halbsatz.
Ihr Gegenüber klappt sein Buch zu und lächelt Corinna an. »Ich fahr nach Bonn, und du?«
Corinna spürt, wie ihr Puls neue Grenzwerte erreicht, und braucht eine Sekunde, um ihm antworten zu können. »Äh-«, sie stockt, um dann schnell, »ich auch!«, hinzuzufügen.





Küssen verboten

Verena saß mit gesenktem Kopf auf dem Beifahrersitz. Der klassische Fall! So dermaßen klischeehaft, dass sie über sich selbst lachen musste und es doch nicht so wirklich konnte. Aber es war genauso, wie in 50 Prozent der üblichen Fernsehkriminalfälle beschrieben…. Warum waren so viele Männer auch heute noch genauso anfällig dafür, sich in ihren Job zu vergraben, wie in den 60ziger Jahren? Nahmen die meisten noch immer nach ein paar Jahren ihre Ehefrauen nicht mehr so richtig wahr?
Gestern Morgen noch hatte Verena versucht, Matthias für einen Konzertbesuch zu motivieren. Vor 20 Jahren geschah das öfters, da galt ‚ins Konzert gehen‘ als etwas Schönes, als etwas, das man unter ‚erstrebenswert‘ verbuchte. Einen Campari in der Pause trinken, das neue Abendkleid ausführen oder auch gerne mal das alte...
Letzten Samstag war sie alleine zu der Galerie gefahren, die Einladung zur Vernissage hatte verlockend ausgesehen. In die Sauna hatte Matthias sie begleitet, aber einen gemeinsamen Besuch des orientalischen Hamam, mit Massage und Schlammpackung als ‚übertrieben‘ abgeschmettert. Verena saß da und im Geiste wurde die Liste in Minutenschnelle immer länger.
 Frederics Hände lagen lässig auf dem Lederlenkrad, er schaute aus dem Wagenfenster, so als wollte er den Porsche auf dem Parkplatz neben ihm bewundern, aber seine Frage hing laut und deutlich unter dem Dach des großen SUV. Verena schwieg. Frederic umwarb sie seit Wochen, hier eine Andeutung, da ein Glas Sekt, hier ein paar Schritte gemeinsam in der Stadt, der Amarena-Kirsch-Eisbecher, die weiße Rose…
„Männer wollen nur das Eine!“ so brach es mit leisem Groll aus Verena heraus. Frederic zuckte die Schultern und sah sie lächelnd an: „Ist das so schlimm?“ Diese Dreistigkeit brachte Verena zum Lachen: „Und was sagt deine Frau dazu?“ Frederics Schultern zuckten wieder: „Sie ist gestern Abend zur Vorsitzen-den in ihrem Karnevalsverein gewählt worden. Sie schien sehr glücklich und stolz.“ Dieses Klischeehafte wurde ja immer schlimmer, dachte Verena.
„Frederic, das ist doch Blödsinn, wir können weder zu mir noch zu dir und kein Hotel wird uns ein Zimmer geben in dieser bekloppten Zeit. Herr je, wir sind doch keine 18 mehr, von wegen „Liebe auf’m Rücksitz im Mondenschein“, und außerdem ist das der Wahnsinn! Ich sollte hier mit Maske sitzen auf 1,5 m Abstand – klar, dein Wagen ist groß, aber so groß nun auch wieder nicht! Ich bitte Dich, wir sind zu alt für dieses Spiel, dieses Klischee sollten wir doch nun wirklich nicht bedienen!“
Ein drittes Mal zuckten seine Schultern: „Warum denn nicht, dieses Gefühl ist so alt wie diese Welt und es war noch nie tot zu kriegen. Die Rücksitze sind bequem und geheizt….“ Verena konnte das Lachen nicht mehr bremsen: „Eigentlich müsstest du schon allein wegen dieser Ehrlichkeit bestraft oder belohnt werden.
Eigentlich sollte ich meine Maske aufsetzen und entrüstet dieses Fahrzeug verlassen. Eigentlich - eigentlich – komisch – ich habe keine Angst davor, mit dir zu schlafen, aber Angst deinen frechen Mund zu küssen. Tja, als ich 18 war, da war anscheinend eine ganze Menge irgendwie doch ganz anders…“





Julietta

Eine knappe Woche hatte er mit Julietta verbringen dürfen. Zumindest gedanklich, weil eigentlich waren es nur zwei Tage gewesen. Sie war in sein Leben gerauscht, hatte es einmal durchgerüttelt und war dann genauso unvermittelt von der Bildfläche verschwunden, wie sie aufgetaucht war.
Sie hatten sich ziemlich genau zehn Jahre nicht gesehen, mit dem Tag der Abiturfeier hatte er sie damals aus den Augen verloren; fürs Studium war man in eine andere Stadt gezogen, ein neuer Lebensabschnitt hatte sich angekündigt.
Als Schülerin hatte Julietta es stets verstanden, sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken; wegen ihres ausgesprochen selbstbewussten Verhaltens war auch die Rolle der Klassensprecherin wie für sie gemacht. Sie hatte in der Klasse zu den Hübschen gezählt; schlank, um die Einsachzig, langes schwarzgelocktes Haar, welches bei Sonnenschein leicht rötliche schimmerte. Und gutaussehende Menschen hatten es ja bekanntlich etwas leichter im Leben, verkörperten sie doch die Sehnsüchte der anderen.
Er hatte sich während der gemeinsamen Schulzeit – zuerst in einer gemeinsamen Klasse, später dann durch das Kurssystem verteilt – nicht getraut, sich bis zu ihr durchzuarbeiten, gab es doch stets eine Vielzahl von Bewunderern, die sich um Julietta scharten. Er hatte nicht in diesen Wettbewerb um ihre Gunst einsteigen und sie lieber aus der Distanz beobachten wollen – so hatte ihm zumindest sein Verstand seine Zurückhaltung begründet. Ein anderer Teil von ihm hatte dieses Verhalten ganz unverblümt als Ausdruck seiner Schüchternheit bezeichnet.

Und letzten Samstag hatte sie plötzlich hinter ihm gestanden – in der Kinoschlange. Sie habe ihn, so sagte sie, sofort erkannt; was auch nicht schwer gewesen sei, habe er sich doch kaum verändert in all den Jahren. Er hingegen hatte etwas gebraucht, in ihr die Julietta von damals zu erkennen. Sofort hatte er seine alte Unsicherheit gespürt und sich gefragt, ob er ihre Begrüßung „Du hast dich gar nicht verändert“ als Kompliment auffassen sollte, zumal er sich seinerzeit in der Oberstufe eher zu den Außenseitern gezählt und das Ende der Schulzeit für einen möglichen Neustart herbeigesehnt hatte.
Julietta hingegen hatte sich sehr wohl verändert; sie trug ihr Haar um einiges kürzer, sie schien dünner geworden, was ihre sehr weibliche Figur aber nicht schmälerte; sie wirkte in ihrem Äußeren nicht ganz so perfekt durchkomponiert wie früher, eher etwas ‚vintage‘, wie man so sagt; zu einer schwarzen Bikerjacke trug sie ein einfaches weißes Shirt, welches über der Gürtelschnalle locker in ihre Jeans gesteckt war, dazu etwas abgetragene, ehemals weiße Sneaker; es gab erste Gebrauchsspuren in ihrem Gesicht, insbesondere um die stark geschminkten Augen herum; all das änderte allerdings nichts daran, dass Julietta eine beindruckende Präsenz an den Tag legte.
Er war schon immer gerne allein ins Kino gegangen, auch um den Film ganz für sich zu haben; er hasste es, dieses Erlebnis mit Menschen zu teilen, die glaubten im Nachgang alles kommentieren, bewerten und erklären zu müssen, wie wenn sie sich über den Film und seinen Regisseur erheben wollten. Nach dem Film trank er gerne ganz für sich noch ein Glas Rotwein, um das Erlebte auf sich wirken zu lassen; und dabei konnte er keine selbsternannten Filmkritiker in seiner Nähe ertragen.
„Hey Martin, was ist das denn für ein Zufall?! Allein hier?“
Martin wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte, fühlte sich wie gelähmt. Julietta nahm ihm jedoch sofort die Entscheidung ab, indem sie ihn ziemlich euphorisch umarmte. Seine Muskulatur spannte sich sofort an, wie bei einem spontanen Abwehrreflex in einer bedrohlichen Situation. Nie zuvor war er Julietta so nahe gekommen; mit einem Mal war er nicht mehr außenstehender Zuschauer sondern selbst Akteur – fast war ihm, als wenn Julietta, der Star des Abends, ihn auf eine Bühne geholt hätte und da fühlte man sich ja anfangs auch eher ungelenk und hölzern.
„Hey Julietta, wie lang ist das jetzt bloß her?!“ Er hatte sich unauffällig umgeschaut; auch Julietta schien ohne Begleitung zu sein. In Gedanken sah er sich bereits nach dem Film mit Julietta plaudern, beide nippten an ihrem Wein und tauschten sich über ihre Schulzeit aus, um dann sehr schnell über das zu reden, was in der Zwischenzeit alles passiert war.
„Ist ja witzig, dass wir beide ausgerechnet in diesen Film wollen…“
Martin wusste zunächst nicht, was Julietta meinte; er hatte sich nicht den Titel des Films gemerkt sondern nur abgespeichert, dass es sich um die aktuelle Verfilmung eines Romans von Nick Hornby handelte; er schätzte diesen Autor wegen seiner Fähigkeit, Humor mit Tiefgang zu kombinieren. Der Filmtitel setzte ihrem Zusammentreffen allerdings das Krönchen auf: ‚Juliet, naked‘. Das Buch hatte ihm trotz einer reichlichen Portion Kitsch gut gefallen, weil es am Ende dazu aufforderte, das Neue zu wagen und das Leben mit seinen Möglichkeiten zu nutzen, statt nur anderen beim Leben zuzuschauen.
„Wie könnte ich nicht in einen Film gehen, der meinen Namen in seinem Titel führt!“ hatte sie angefügt. Jetzt erinnerte er sich auch, dass Julietta ihren Namen nie so ganz gemocht hatte, und sich selbst immer wieder mal anders nannte – einfach nur July, Julia, Juliet oder auch Giulietta, die italienische Variante.
Sie hatten sich einen Wein mit in den Kinosaal genommen und sich vor Filmbeginn noch ein wenig austauschen können, selbstverständlich mit gedämpften Stimmen. So hatte er erfahren, dass sie seit einem Jahr in der Stadt war, eine eigene kleine Wohnung besaß und in einer physiotherapeutischen Praxis arbeitete, aber noch nicht wisse wie lange sie das noch machen wolle. Martin hatte nur kurz über sich erzählt, dass er mit zwei Freunden vor einigen Jahren eine gut laufende Agentur für Graphik-Design gegründet hatte, dass er seit zwei Jahren eine Wohnung in der Innenstadt besaß.
Das Flüstern mit Julietta hatte Martin gefallen, eine unverbindliche aber wunderbare Form der Nähe.
Im Anschluss an den Film waren sie dann wie selbstverständlich noch einen Wein trinken gegangen und dabei hatte keiner den anderen gefragt, ob man noch etwas zusammen unternehmen wolle. Martin war zusehends entspannter und auch gesprächiger geworden; im Fluss des Erzählens hatten sich immer wieder ihre Hände berührt und er hatte gespürt, wie die alte Sehnsucht in ihm aufkeimte. Es war auch nicht bei einem Glas geblieben.
Nach Mitternacht in seiner Wohnung angekommen, war er selbst begeistert von seiner Idee, Julietta den Wein öffnen zu lassen und sich um die Musik zu kümmern. Er hatte in seinen Platten nur kurz suchen müssen, und das, obwohl das Vinyl nicht sortiert war. Es war ein Doppelalbum, das weiße Album der Beatles, die letzte Nummer auf der A-Seite der ersten Platte; das Stück hieß ‚Julia‘.
Julietta war begeistert und schmiss sich ihm förmlich in die Arme, drückte ihn, dass ihm zunächst die Luft weg blieb, löste sich dann ein wenig von ihm, schaute ihm in die Augen, nahm seinen Kopf in beide Hände und sagte: „Mein Song! Wow! Danke!“ Ihre Lippen näherten sich den seinen und sie begann ihn sanft zu küssen; als die Beatles nach knapp drei Minuten fertig waren mit ‚Julia‘ und der Arm des Plattenspielers abgehoben hatte, sagte Julietta nur „Ich will mehr davon.“ Und es war Martin klar, dass sie nicht nur die Musik meinte. Sein Herzschlag schien sich auf das doppelte Tempo zu beschleunigen. Er bat Sie um einen kurzen Augenblick Geduld, sie könne ja derweil die Gläser füllen; er suchte also seine CD vom ‚White Album‘ heraus und programmierte die Abfolge der Musikstücke:
 - Julia - While my guitar gently weeps
 - Happiness is a warm gun
 - Julia
 - Why don’t we do it in the road?
 - I will
 - Julia
 - Yer blues
 - Sexy Sadie
 - Julia
 - Helter Skelter
 - Long, long, long
 - Julia
 - Revolution No 1
 - Cry baby cry
 - Julia
Er hatte die Repeat-Funktion aktiviert und dann auf Start gedrückt. Julietta hatte es sich derweil auf dem Sofa bequem gemacht; mit einer einladenden Geste bat sie ihn, sich zu ihr zu setzen. Das gute Gefühl, die richtige Musik ausgewählt zu haben, machte es ihm leicht, nun selbst die Initiative zu ergreifen. Martin stupste Julietta leicht an, so dass ihr nichts anderes übrigblieb, als in eine leicht liegende Position zu fallen; Martin beugte sich über sie und strich ihr das Haar hinter die Ohren.
„Wer hätte das gedacht. Du hier, bei mir. Hätte ich mir damals nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorstellen können.“
Julia lächelte. „Du hast auch immer so unnahbar gewirkt, wie ein abgehobenes Geistwesen, zu dem man einen Mindestabstand von zwei Metern halten musste. Ich habe dich für ziemlich arrogant gehalten. Die anderen Jungs waren da zugänglicher, manchmal sogar ein wenig aufdringlich, ganz anders als du.“
Martin runzelte die Stirn. „Ich dachte, du interessierst dich sowieso nur für die Macker mit den Mofas oder später dann für die mit dem Golf GTI von Papa.“
Julietta seufzte. „Das war auch so. Die haben`s mir ja auch denkbar leicht gemacht. Mit denen konnte man so in den Tag rein leben, ohne überhaupt über irgendwas nachdenken zu müssen. Wer permanent begehrt wird und im Mittelpunkt steht, der muss schließlich nicht überlegen, was er selbst eigentlich will, vom Leben und überhaupt. Und ich war wahrlich kein Kind von Traurigkeit – und irgendwann brauchst du das dann auch, ständig von anderen umschwärmt zu werden. Damit bin ich dann später auch ganz schön auf die Schnauze gefallen. Aber das ist vorbei. Und jetzt bin ich hier.“
‚Happiness is a warm gun’ war gerade verklungen, als Julietta sich von ihm befreite, um die Weingläser erneut aufzufüllen. Sie reichte Martin sein Glas. „Auf die Jugend und darauf, dass sie vorbei ist und wir endlich erwachsen geworden sind.“
Sie stellten ihre Gläser ab und rutschten zu den Klängen von ‚Julia‘ langsam eine Etage tiefer vom Sofa auf den Teppich. Martin schoss noch kurz durch den Kopf, dass er schon längst mal wieder seine Wohnung hätte durchsaugen können; dann war er nur noch Verlangen; sie hatten sich die Kleider förmlich vom Leib gerissen; wie bei Nick Hornby hatte es dabei kleine Unfälle gegeben: Eines seiner Hosenbeine hatte sich als ziemlich störrisch erwiesen, aus Juliettas Jeans hatte sich ein beachtlicher Haufen Münzgeld ergossen und ein Weinglas war ihrer Ungeduld zum Opfer gefallen. Der vorläufige Höhepunkt war für Martin, als Julietta ihm kurz den Rücken zuwandte, um ihm damit zu signalisieren, er solle jetzt ihren BH öffnen. Fast glaubte sich Martin in einem Film, so unwirklich erschien ihm das Geschehen. Vielleicht hatte er am Abend ja aus unerfindlichen Gründen nicht vor seinem üblichen Programmkino in der Schlange gestanden, sondern war in irgend so ein magisches Kino hineingeraten in dem man dann selbst Teil eines Films wurde, der einen zum Hauptakteur erkoren hatte und das eigene ungelebte Leben inszenierte, mit all den Wünschen und Fantasien, die man jemals in sich getragen hatte. Eine schöne aber auch ein wenig beängstigende Vorstellung, wahrscheinlich zu großen Teilen dem Alkohol geschuldet.
Irgendwann wusste Martin nicht mehr genau zu sagen, bis wohin er reichte und wo Julietta anfing; ihre Körper rangen miteinander, oben und unten gerieten durcheinander; Martin wusste nicht genau zu sagen, wie oft die Playlist durchgelaufen war; in ihrem Liebesspiel hatte sich aber unwillkürlich ein Rhythmus ergeben – jedesmal wenn ‚Julia‘ erklang, lösten sie sich voneinander, prosteten sich lachend zu, bevor sie dann mit leidenschaftlichen Küssen ihr Liebesspiel fortsetzten.
Es konnte nur so sein, dass Martin tatsächlich zu einem Akteur seiner Träume in einem magischen Kino geworden war; anders war es nicht zu erklären, dass sie erst voneinander ließen, als die Morgensonne den Himmel rot färbte.
Julietta hatte auf einem letzten Glas Wein bestanden, bevor sie sich bereit erklärte, noch eine Stunde an seiner Seite zu schlummern.
Martin erwachte mit dem Gefühl, nur kurz die Augen geschlossen zu haben. Er hörte die Dusche in seinem Bad, was ihm bestätigte, dass Julietta wohl mehr als nur ein Traum war. Den endgültigen Beweis erhielt er, als sie ihm die Bettdecke wegriss und sich tropfnass auf ihn warf – und ihm mit den Worten „Nur damit du mich bis heute Abend nicht vergisst!“ einen durchaus schmerzhaften Biss in den linken Oberarm verpasste.
Er hatte ihr noch einen Kaffee machen wollen, aber in Sekundenschnelle hatte Julietta ihre Klamotten zusammengesucht, war von jetzt auf gleich komplett angekleidet, drückte ihm noch einen intensiven Kuss auf die Lippen und war verschwunden.
Martin fühlte sich noch ein wenig zerschlagen, immerhin hatten sie am Vorabend zusammen drei Flaschen Wein geleert, und er war auch ziemlich verwundert darüber, wie fit Julietta am Morgen gewesen war.
Er würde heute später ins Büro gehen – die angenehme Seite der Selbständigkeit. Zwar spürte sein Körper Julietta irgendwie immer noch, auch hatte er noch ihren Duft in der Nase, zudem lag auf dem Küchentisch ein Zettel, auf dem sie ihre Telefonnummer notiert hatte, doch mit jeder Minute schien Martin das in den letzten Stunden erlebte zunehmend zu verschwimmen.
Sein Tag hatte sich unglaublich in die Länge gezogen, was vielleicht auch daran lag, dass er sich nicht richtig konzentrieren konnte; andauernd verhedderten sich seine Gedanken und immer wieder war er aufgestanden, um sich irgendetwas aus der Küche zu holen. Die anderen hatten ihn schon ein wenig seltsam angeschaut; er hatte es aber gar nicht erst zu der vorhersehbaren Frage, was denn heute mit ihm los sei, kommen lassen und war um einiges früher als sonst gegangen.
Nach einer ausgiebigen Dusche hatte er dann versucht Julietta zu erreichen, allerdings ohne Glück: Entweder es drang das Besetztzeichen an sein Ohr oder es tutete endlos. Als er sich dann gegen einundzwanzig Uhr damit abgefunden hatte, den heutigen Abend wohl wie gewohnt alleine zu verbringen, da meldete sein Smartphone eine neue Kurznachricht. Er hatte die Nummer erst nicht zuordnen können, weil sie wohl noch nicht in seinem Telefonbuch abgespeichert war, aber bereits nach den ersten Worten war ihm klar, dass es eine Nachricht von Julietta war: „Bin mit ein paar Leuten im Climax – komm doch auch vorbei!!! XOO“
Martins erster Impuls war, beleidigt zu sein. In seiner Fantasie hatten sie noch viele Abende - und vor allem auch die Nächte – ganz für sich und nur zu zweit miteinander verbracht; erst nach Wochen hätten sie wieder Kontakt zur Mitwelt aufgenommen und allen wäre dann klar gewesen, dass sie ein Paar waren, dass sich lange gesucht und endlich doch gefunden hatte. Natürlich würde er ins Climax gehen, um Julietta zu treffen; er fühlte sich auch ein wenig unter Zugzwang, war es doch nun an ihm, Julietta sein über einen One-Night-Stand hinausgehendes Interesse zu beweisen. Er hatte beschlossen, nicht länger beleidigt zu sein und stattdessen noch eine Flasche Wein für später kalt zu stellen.
Ein schaler Geschmack von Enttäuschung war allerdings geblieben, als Martin das Climax betrat; er spürte eine leichte Verkrampfung, fühlte sich unwohl in seiner Haut; fing an, sich selbst zu beobachten, wollte ganz entspannt und wie selbstverständlich auf den Tisch zusteuern, an dem er Julietta inmitten von drei lachenden Männern entdeckt hatte. In ihm tobten zwei widerstreitende Impulse – zum einen wäre er am liebsten geflüchtet, um sich vor der Welt zu verstecken und zum anderen wollte er das Männer-Rudel in die Flucht schlagen und die eroberte Julietta zu sich nach Hause verschleppen und gefangen halten, bis sie begriffen hatte, dass er grundsätzlich niemand anderen neben sich duldete.
„Hey Martin – schön, dass du noch gekommen bist.“ Julietta war aufgestanden und hatte ihn kurz wie einen alten Bekannten gedrückt; seinem Kussversuch war sie ausgewichen. „Ein alter Schulfreund – gestern vorm Kino wiedergetroffen; schon damals immer auf der Suche nach dem tiefen Sinn und deshalb den anderen ständig um Längen voraus, in Liebesdingen aber ziemlich hinterher…; und wie der Zufall es so wollte…; na ja, ihr seht ja; hier ist er!“ Die drei Männer lachten herzhaft in Juliettas Richtung. Das Gefühl von damals – nicht dazuzugehören – drohte von Martin Besitz zu ergreifen. Er biss gedanklich auf eine Chilischote – eine hilfreiche Strategie gegen unerwünschte Gedanken und Emotionen – und bestellte sich einen Weißwein; alle anderen hatten ein Bier vor sich stehen.
Er hatte sich halbwegs an den belanglosen Gesprächen beteiligt und sich ständig selbst ermahnt, seine Erwartungen an Julietta auszubremsen. Auch war er nicht wirklich interessiert zu erfahren, wer die anderen waren und wie ihr Verhältnis zu Julietta war; als dann zu fortgeschrittener Stunde noch auf Tequila umgestiegen wurde, beschloss Martin, es bei einem letzten Glas Weißwein zu belassen.
Kurz nach Mitternacht hatte man noch vor der Kneipe gestanden; und obwohl sich in ihm alles sperrte, hatte er sich an dem nicht enden wollenden Reigen von Verabschiedungsumarmungen beteiligt und halbherzig zugestimmt, als man beschloss, den Abend unbedingt bald zu wiederholen.
Das Männer-Rudel hatte sich ein Taxi bestellt. Auf die Frage, ob sie nicht mitfahren wolle, hatte Julietta lediglich erwidert „Ich hab’s ja nicht so weit; mein kleiner Held, der Sinnsucher, wird mich bis nach Hause begleiten und dann brav in sein eigenes Bettchen schlüpfen. Macht’s gut Jungs, bis bald!“ Juliettas Worte und ihre inzwischen alkoholbedingt etwas verwaschene Sprache sorgten dafür, dass sich in Martins Lendengegend alles zusammenzog. Als das Taxi außer Sichtweite war, hakte Julietta sich bei ihm unter.
„Hast du noch einen Wein im Kühlschrank?“ Martin versuchte, zu verstehen, war hier gerade passierte, hatte aber keine Antwort verfügbar. In seiner Wohnung angekommen, war Julietta sofort in die Küche gegangen, stand dann grinsend vor ihm. „Wo hast du die Gläser?“ Martin hatte eigentlich genug getrunken, kümmerte sich aber Julietta zu Gefallen um die Weingläser, während sie es sich auf seinem Sofa bequem machte. Als er in einer knappen Minute zurückgekehrte, hatte Julietta in die liegende Position gewechselt und war bereits eingeschlafen.
Als Martin sie dann so anschaute, konnte er beobachten, wie Julietta der Speichel aus dem leicht geöffneten Mund lief. Der gestrige Abend schien Jahrzehnte her zu sein. Wer war dieser Mensch ‚Julietta‘? War er eigentlich verliebt in Julietta oder war es für ihn nur eine Art Genugtuung, endlich der Frau nahe gewesen zu sein, die für ihn zu Schulzeiten unerreichbar gewesen war? Und wie sah es eigentlich bei Julietta aus? Was bedeutete er ihr eigentlich? Gehörte er nurmehr als Sonderling zu ihrer Staffage, die sie benötigte, um sich selbst zu bestätigen? Als ein weiteres Objekt in ihrer Sammlung?
Und wenn es sich denn bei jedem von ihnen beiden eigentlich nur um die eigene Person drehte, was wollte man dann eigentlich voneinander? Was wollte man dann, außer sich aneinander abzuarbeiten; vielleicht war es auch die Angst, sich selbst zu begegnen, sich selbst eines Tages von Angesicht zu Angesicht sagen zu müssen „Ja, der bin ich.“ Vielleicht war man ja gar nicht auf der Suche nach einem Liebessubjekt, sondern vielmehr auf der Flucht vor sich selbst… und machte den anderen so zum Liebesobjekt. Abgehobene Gedanken.
Juliettas Atmen hatte sich mittlerweile zu einem leichten Schnarchen gewandelt. Sie kam Martin fremd und entzaubert vor; auch fragte er sich, ob Julietta wohl jeden Abend soviel trank, aber das war schließlich nicht sein Problem, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach ihre eigene Art mit dem, was man gemeinhin ‚Leben‘ nannte zurecht zu kommen. Er merkte von Minute zu Minute mehr, wie sehr er sein eigenes Leben mochte. In seiner Begegnung mit Julietta war ihm klar geworden, dass er schon lange nicht mehr der Martin aus der Schulzeit war, dass er seine Autonomie schätzte und auch nicht irgendwie außerhalb stand und nur sehnsuchtsvoll die Leben der anderen beobachtete, selbst aber passiv blieb. „Ich danke dir, Julietta, für diese guten Gedanken.“ flüsterte Martin in die fortgeschrittene Nacht.
Er stellte die entkorkte Weinflasche zurück in den Kühlschrank, bereitete sich einen Kaffee zu und legte noch einmal ‚Julia‘ von den Beatles auf.
Er würde früh ins Büro fahren; Julietta würde ihren Rausch ausschlafen und nach dem Aufwachen seinen Zettel lesen:
„Guten Morgen, liebe Julietta, liebe July, liebe Julia, liebe Juliet – oder wer auch immer du sein willst! Bin ins Büro; mach dir bitte einen Kaffee. Warte nicht auf mich. Ich danke dir für den ersten Abend und für die erste Nacht, die ich mit dir verbringen durfte. Es war wirklich schön! Aber lass uns in unsere eigenen Leben zurückkehren. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns irgendwann mal wieder in einer Warteschlange vor irgendeinem Kino oder auch sonstwo. Alles Liebe, Martin.“
Juliettas Playlist im Internet: https://open.spotify.com/playlist/0aO8WZItC3SblCEi14CF94?si=VM76NLkyQHiE6URR1axcVg